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winter 2018 KLEIN

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Scheitert Murnaus

Scheitert Murnaus „Hochkultur“ an individueller Eitelkeit? Von Rupert Reggel „Durch ein Festival wie "grenzenlos" hat der Ort Murnau in den letzten 19 Jahren eine starke Resonanz in der Musikwelt erfahren. Der Ort, in dem Gabriele Münter und Wassili Kandinsky Kunstgeschichte schrieben und aus dem der Schriftsteller Ödön von Horváth 1933 flüchten musste, konnte sich durch das Weltmusikfestival "grenzenlos" als ein Platz für besonders weltoffene Klänge und feine Ohren profilieren. Ein Jammer, wenn ein - von außen betrachtet - ganz und gar lokaler Zwist solch ein Profil jetzt nachhaltig beschädigen würde. Mit fein ausgewählten Themen wie "Heimat" oder "Vielsaitig", die stets nicht nur einen Bezug zu Musik, sondern auf subtile Art auch zur gesellschaftlichen Kultur hatten, brachte das Festival "grenzenlos" in den letzten 19 Jahren stets hochklassige musikalische Begegnungen zuwege. Viele davon sind auch in Hörfunk- Aufnahmen von BR-KLASSIK dokumentiert. Die Botschaft des Festivals war stets als eine Einladung zu weltoffener Gemeinsamkeit zu verstehen. Musiker aus unterschiedlichen Teilen der Welt und unterschiedlichen Musikbereichen kamen zusammen - und verständigten sich in verblüffend feinen Tonlagen.“ Soweit Roland Spiegel im Namen des Bayerischen Rundfunks, der gleichsam Begleiter des Festivals war. Ein Jahr vor seinem 20. Jubiläum steht das Festival nun womöglich vor dem Aus. Der Grund: Der Gemeinderat hatte dem Veranstalter die Fördermittel der Gemeinde gestrichen. Dahinter steckt jedoch keine Sparmaßnahme wie der Gemeinderat beteuert. Ihm ist es sogar äußerst wichtig, weiterhin hochklassige Kulturveranstaltungen in Murnau bieten zu können. Es geht hierbei um einen Betrag von 43.000 Euro, der nun für 2019 im luftleeren Raum steht, nachdem er nicht an den Kulturverein Murnau e.V. fließt. Dumm, wer sich nicht fügt? Das Dieter Ilg Trio bei Grenzenlos 2018 Murnau will eine hochwertige Kulturveranstaltung, der Kulturverein liefert sie. Wo also liegt das Problem? Das Problem scheint Dr. Elisabeth Tworek zu sein. Sie ist Leiterin der Abteilung Kultur und Bildung des Bezirks Oberbayern sowie Gemeinderätin in Murnau. Auch Frau Tworek steht dem Festival, gemäß ihren Aussagen, äußerst positiv gegenüber, so sehr, dass sie persönlich Mitglied im Kulturverein werden wollte. Ihr erster Antrag auf Mitgliedschaft im April 2016 wurde jedoch vom Kulturverein mit der Begründung abgelehnt, dass Träger eines politischen Mandats nicht Mitglied werden dürften. War es Zufall, dass mit Beschluß vom 28.07.2016 erstmalig eine Richtlinie des Marktes Murnau zur Förderung der örtlichen Vereine, Initiativen und Organisationen – kurz Vereinsförderrichtlinie – erstellt wurde? In ihr steht insbesondere: Zuwendungsempfänger sind Vereine, die ihren Sitz im Markt Murnau am Staffelsee haben und für alle Gemeindebürger zugänglich sind. Daraufhin änderte der Kulturverein seine Satzung leicht ab, woraufhin es weiterhin Fördermittel gab. Zeitnah zur aktuellen Fördermittelvergabe 2019 stellte Frau Tworek erneut einen Antrag auf Aufnahme in den Verein. Erneut wurde ihr Antrag abgelehnt. Daraufhin schrieb Bürgermeister Rolf Beuting Anfang Oktober 2018 einen Brief an den 1. Vorsitzenden Konstantin Zeitler, in dem er formulierte, dass in der Ausschußsitzung am 7. Februar 2018 beschlossen worden sei, dass der Kulturverein die Kulturreferentin und Gemeinderätin Frau Dr. Tworek als Mitglied in den Kulturverein aufzunehmen und ihr eine aktive Rolle im Vereinsleben zu ermöglichen hat. Andernfalls sei eine finanzielle Förderung durch die Marktgemeinde Murnau nicht möglich. Nach der darauf folgenden außerordentlichen Sitzung des Kulturvereins schrieb Herr Zeitler an Herrn Beuting, dass Frau Tworek trotzdem nicht aufgenommen wird. Der Beschluss wurde einstimmig gefasst. Ein Grund wurde nicht genannt. In der folgenden Gemeinderatssitzung am 29.10.2018 wurde dann der Kulturverein Murnau e.V. als nicht förderungsfähig bezeichnet. Die Mittel werden nun anderweitig vergeben. Zuneigung trotz Zurückweisung Elisabeth Tworek, nach ihrer Motivation befragt, weshalb sie denn unbedingt Mitglied eines Vereins werden will, der sie anscheinend nun überhaupt nicht mag, erklärte sie, dass sie sich vor den Kopf gestoßen fühlte, als sie den ersten Versuch unternahm, dem Kulturverein beizutreten. Sie hätte nie damit gerechnet, dass solches überhaupt geschehen kann. Schon auf Grund ihrer beruflichen Verbindungen, hätte sie eine Menge Positives beitragen können. Stattdessen fühlte sie sich gedemütigt und ausgegrenzt, ohne dass es dafür einen sichtlichen Grund gab. Im Gegenteil: Sie hätte stets wohlwollend und positiv zum Verein gestanden. 48

Nach dem rüden Korb ist die Sache politisch geworden. Schließlich geht es auch um eine beträchtliche Summe an Steuergeldern. Da sollte man als Geldgeber schon etwas Einblick haben. Der Kulturverein sieht das ähnlich, jedoch von der Kehrseite der Medaille: Wenn Geber und Empfänger von der gleichen Person beeinflusst sind, könnte man daraus leicht ein Geschmäckle ableiten. Der Kulturverein argumentiert zudem: „Wenn wir jeden aufnehmen müssen, könnte theoretisch die AfD bald die Stimmenmehrheit haben.“ Tworek kontert, „selbst wenn es so wäre, müsse man dem demokratisch begegnen “. Elisabeth Tworek (SPD) hat damit sicher nicht unrecht, schon gar nicht, wenn sie sich auf unsere Verfassung stützt. Sie bezieht auch im Allgemeinen klare Position: „Ein Angeklagter ist solange unschuldig, bis ihm die Schuld bewiesen wird. Und ein Straftäter ist wie jeder andere sonst zu behandeln, nachdem er seine Strafe abgebüßt hat.“ In der Tat ist Tworeks Standpunkt zu akzeptieren, auch wenn wir gerne unbedacht und emotional empfinden. Wer will die Kultur bestimmen? Grundsätzlich ist es nicht falsch, wenn ein Geldgeber Vergaberichtlinien für Fördergelder macht. Auch nicht, dass man damit demokratische Grundsätze verbindet. Fragwürdig wird es jedoch, wenn dadurch eine bürokratische Abhängigkeit entsteht oder gar Druck ausgeübt kann. Nomenklatura und Planwirtschaft vertragen sich nun mal nicht gut mit freien Zielen, wie sie in manchen Vereinen in deren Satzungen stehen. Darin liegt auch die Befürchtung des Kulturvereins, dass mit der Aufnahme von Frau Tworek eine Einflussnahme einhergeht, die sich nicht mit den Vereinszielen deckt. Vielleicht ist die Befürchtung übertrieben. Doch darum geht es inzwischen nicht mehr. Einerseits ist von Misstrauen geprägt eine Kluft entstanden. Sie ist so tief, dass der Kulturverein lieber auf 43.000 Euro verzichtet, als Elisabeth Tworek auch nur einen Stehplatz im Boot anzubieten. Selbst wenn man versuchen würde, die Vergangenheit auszublenden, ist inzwischen ein Brandherd entstanden, bei dem jeder kleine Funke sich zu einem neuen Feuer entzünden könnte. Andererseits scheint der Wunsch nach einer kulturell herausragenden Veranstaltung von Seiten des Marktes vorhanden zu sein, womit sich zwei Fragen stellen: Was bekommt man heute noch für 43.000 Euro, was den Anspruch nach etwas überdurchschnittlich Hochwertigem erfüllt? Etwas das den Ort Murnau über vergleichbare Orte hinaushebt? Zum Vergleich: Der finanzielle Anteil von Garmisch-Partenkirchen am Richard-Strauß-Festival beträgt 330.000 Euro. Die zweite Frage: Wer soll dies organisieren, zumal ausschließlich Vereine in Murnau begünstigt werden? Somit scheiden automatisch professionelle Veranstalter aus. Elisabeth Tworek äußert sich dahingehend, dass bereits einige Konzepte vorliegen, die jedoch erst noch geprüft werden müssen. Thomas Köthe, 2. Vorstand und künstlerischer Leiter des Kulturvereins, will die Vereinsarbeit notfalls auch ohne Unterstützung der Marktgemeinde weiterführen. Er rechnet dabei mit der Solidarität und der Unterstützung diverser Künstler und hofft, dass dabei dem Verein im kommenden Jahr einige Mittel verbleiben, um im Jahre 2010 „grenzenlos“ mit einem angemessenen 20-jährigen Jubiläum feiern zu können. Hierin liegt eine heroische Herausforderung, die große Spannung verspricht. Vielleicht gibt es trotz vereister Positionen das Wunder eines gemeinsamen Nenners, zumal ein stolzer Betrag einen respektierbaren Verwendungszweck sucht? Für Spannung ist in jedem Fall gesorgt. 49